Eine Karteikarte Derra de Morodas zur Tänzerin Mura Ziperowitsch macht auf das Thema der „Lücke“ oder Leerstelle des Archivs aufmerksam. Die Notiz umfasst nicht mehr als einen Quellennachweis und die Information „Première Danseuse du Grand-Opéra de Vienne“.
Die Karteikarten, die Friderica Derra de Moroda selbst mit der Hand geschrieben und in alphabetischer Ordnung aufbewahrt hat, dienten ihr lange Zeit als einzige Methode, in ihrer vielfältigen Sammlung nach Personen, Stücken oder Orten zu suchen. Ein Schriftstück also, das nicht nur durch seine Haptik, sondern auch durch die manuell eingetragenen Details auf eine längst vergangene Methode der Informationserschließung verweist. Betrachtet man die Vielzahl der Karten und die Fülle der dort vermerkten Informationen, so kommt ein unbeschreiblich breitaufgestelltes Wissen zu Tage, das in dieser Form weder über den Online-Katalog noch durch den gedruckten Katalog der Derra de Moroda Dance Archives verfügbar ist.
Mura Ziperovitch, die Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem unter ihrem späteren Namen Mura Dehn in den Vereinigten Staaten als Filmemacherin bekannt war, zählt zu einer Reihe von modernen Tänzerinnen, die – als Solotänzerin oder Ensemblemitglied – in den 1920er Jahren die renommierten Theater der Kulturmetropole Wien prägten. In Odessa geboren, floh sie wie einige ihrer Tänzerkolleg:innen vor dem russischen Bürgerkrieg. Ihre europäische Tanzausbildung und -karriere führte sie an Häuser wie das Wiener Konzerthaus, die Volksoper, die Secession oder die Hofburg Wiens, doch trotz dieser berühmten Stätten taucht ihr Name selten auf. Eine Suche nach „Mura Ziperowitsch“ oder „Ziperovitch“ etwa im Online-Katalog der Universität Salzburg liefert keine Resultate – einzig die Karteikarte legt eine Spur zu dieser Tänzerin im Salzburger Tanzarchiv.
Doch was ist, wenn die Leerstelle plötzlich da ist? Das, was zwar aufgenommen, verzeichnet und systematisch abgelegt, aber vor Ort nicht auffindbar ist? Im Fall der Karteikarte zu Mura Ziperovitch trifft es zu, denn Derra de Moroda nennt eine Quelle mit zwei Fotos, von der aber jede Spur im Archiv fehlt.
Wird von archivierten und erschlossenen Dokumenten gesprochen, geht man in der Regel von einer präzisen Ordnung aus. Mit Ordnung wird ein übersichtlicher Zustand verbunden, in dem alles seinen zugewiesenen Platz hat. Eine Ordnung, die – wenn etwas verzeichnet ist – keine Leerstellen oder Lücken aufweisen sollte.
Folglich ergeben sich in der Recherche neue Fragestellungen: Handelt es sich um eine bewusste oder unbewusste Lücke? Fehlt das überlieferte Dokument aus unerklärlichen Gründen, da es beispielsweise „nur“ unachtsam verstellt und damit an einen falschen Platz zurückgelegt wurde? Oder markiert die Leerstelle einen unterrepräsentierten Bestand, der unzureichend betrachtet oder sogar als nicht „archivwürdig“ angesehen wurde? Das Archiv ist dann nicht mehr neutraler Speicher, sondern erzählt seine eigene Geschichte. Eine Recherche, die zunächst nicht zufriedenstellend ist, aber gleichzeitig dazu animiert, weiterzusuchen.
Anna-Lena Wieser