Vor 50 Jahren – am 8. April 1976 – starb Joseph D. Lewitan, Herausgeber der deutschen Zeitschrift „Der Tanz“, in Paris. Die Bedeutung Lewitans für die Dokumentation von Tanz in Europa zwischen den Weltkriegen geht nicht nur aus der Tanzzeitschrift selbst hervor, sondern spiegelt sich auch im intensiven Briefwechsel Lewitans mit Friderica Derra de Moroda, die ab 1930 zahlreiche London-Berichte für „Der Tanz“ verfasste.
Die anfänglich auf rein geschäftlicher Ebene geführte Korrespondenz zwischen Derra de Moroda und Lewitan wurde im Jahr 1932 aufgenommen und – mit einer Unterbrechung zwischen 1939 und 1960 – bis zum Tod des Tanzkritikers fortgeführt. Insgesamt umfasst der in den Derra de Moroda Dance Archives erhaltene Bestand dieses, teils maschinell teils handschriftlich verfassten, Schriftverkehrs rund 350 Briefe.
Persönlich begegneten sich Derra de Moroda und Lewitan erstmals im Sommer 1934 anlässlich des Internationalen Tanzwettbewerbes und des Volkstanztreffens in Wien. Ihr Verhältnis war von gegenseitiger fachlicher Wertschätzung geprägt, im weiteren Verlauf der Bekanntschaft dann zunehmend von freundschaftlicher Verbundenheit, was vor allem aus den handgeschriebenen Briefen Lewitans hervorgeht.
Bis 1938 blieb der gemeinsame Austausch aufrecht, dann – vermutlich bedingt durch die Flucht Lewitans vor den Nationalsozialisten und den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – verlor sich der Kontakt. Dies könnte auch in Zusammenhang mit Derra de Morodas tanzbezogenen Aktivitäten in den Folgejahren stehen: 1940 übernahm sie die Leitung eines neugegründeten Ballettensembles für die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ und ließ sich damit für die propagandistische Kulturpolitik des NS-Regimes instrumentalisieren.
Joseph Lewitan und Friderica Derra de Moroda, Wien 1934
© Universität Salzburg, Nachlass Friderica Derra de Moroda
Besonders überraschend ist dahingehend die erneute Kontaktaufnahme des Tanzkritikers im Jahr 1960, die in einer sehr persönlichen und keinesfalls anprangernden Haltung erfolgte. Denn wer hätte es dem geflüchteten Lewitan verdenken können, wenn er Derra de Moroda für ihre Tätigkeit im Dienst der NS-Gemeinschaft verurteilt und Rechenschaft eingefordert hätte? Stattdessen erkundigt er sich auf höfliche, geradezu fürsorgliche Weise nach ihrem bisherigen Lebensweg seit der Kontakt abbrach: „Well – tell me your whole story since I saw you at your place in London – it must have been late 1938?“.
Brief Lewitans an Derra de Moroda vom 20 November 1960
© Universität Salzburg, Nachlass Friderica Derra de Moroda, NLDDM Korr L 001
Letzter Brief Derras an Lewitan vom 28 September 1976
© Universität Salzburg, Nachlass Friderica Derra de Moroda, NLDDM Korr L 001
Nachricht vom Tod Lewitans,
Brief von V. Golubev an Derra de Moroda vom 8 Oktober 1976
© Universität Salzburg, Nachlass Friderica Derra de Moroda, NLDDM Korr L 001
Es folgte bis 1976 ein erneuter intensiver Briefwechsel der beiden von rund 70 Briefen. Die von Lewitan handschriftlich verfassten Schriftstücke sind in den Derra de Moroda Dance Archives erhalten. Von Derra de Moroda selbst ist nur der letzte Brief an Lewitan vom 28. September 1976 vorhanden, der mit folgender, trauriger Nachricht von Frau V. Golubev an Derra zurückgeschickt wurde: „Sorry, to inform you that Mr. J. Lewitan died in April 8th this your in France (Paris).”
Anna-Lena Wieser