Traum oder Realität? Mit diesen gegensätzlichen Welten spielten bereits die Choreografen des Romantischen Balletts im 19. Jahrhundert. Sie erschufen schicksalhafte Protagonistinnen – Sylphiden, Wilis und andere magische Wesen –, die den männlichen Charakteren in den mystischen Sujets ihrer Ballette zumeist im Traum erschienen und so zwischen den Sphären lebten.
Die Varieté-Tänzerin Magdeleine Guipet (1874–1915), die Anfang des 20. Jahrhunderts im Stile einer freien Ausdruckskunst in ganz Europa auftrat, bewegte sich ebenso zwischen Traum und Wirklichkeit, doch auf gänzlich andere Weise: Sie verkörperte kein irreales Geschöpf, keine Rolle, sondern tanzte unter Hypnose und begab sich damit während ihrer Performance in einen künstlich erzeugten Schlaf. So erhielt sie auch die Beinamen „Traumtänzerin“ oder „Schlaftänzerin“.
Mit dieser ungewöhnlichen Art zu Tanzen sorgte Magdeleine G. nicht nur für Aufsehen in der Kunstszene, sondern begeisterte auch den in München praktizierenden Mediziner und Parapsychologen Albert von Schrenck-Notzing (1862–1929). Auf seine Einladung folgend gab die Tänzerin mehrere Vorstellungen in privaten Salons sowie im Münchner Schauspielhaus. Seine Eindrücke hielt der Arzt in der Schrift Die Traumtänzerin Magdeleine G. Eine psychologische Studie über Hypnose und dramatische Kunst (Stuttgart 1904) fest, die als Archivalie auch in den Derra de Moroda Dance Archives vorhanden ist.
Ein Foto der Schlaftänzerin Magdeleine G.
© Universität Salzburg, DdMDA, DdM 5244
Reenactment der Tänzerin Lea Karnutsch
© Ferdinand Doblhammer
Angestoßen durch die Forschung der Tanzwissenschaftlerinnen Nicole Haitzinger und Johanna Hörmann zu Magdeleine G. und ihren Auftritten in magnetisiertem Zustand, entwickelte die Tänzerin Lea Karnutsch die re-enactment-Videoarbeit „Transfusing Frequencies: Reenacting Magdeleine“. Das tänzerische Material basiert einerseits auf Beschreibungen des Magnetiseurs Émile Magnin zur Technik des Magnetisierens (ähnlich zu Hypnotisieren) und andererseits auf originalen Fotoaufnahmen der Choreografie La Marche funèbre de Chopin von Magdeleine Guipet. Das Reenactment untersucht in einem zeitgenössischen Kontext eines der zentralen Merkmale im Werk der Traumtänzerin: die Schnittstelle zwischen Realität und Illusion. Trotz phantasmagorischer Atmosphäre behält die Figur der Traumtänzerin ihre agency und stellt dadurch das mystische Setting infrage.
Das Projekt wurde von Nicole Haitzinger und Johanna Hörmann in einem gemeinsamen Vortrag im Rahmen der Tagung Suggestion: Praktiken der Manipulation, Optimierung und Verführung im Juni 2026 vorgestellt.
Anna-Lena Wieser und Lea Karnutsch