April 2025 | Archivalie des Monats: Szenarien aus den Beständen des Tanzarchivs

Kolorierter Kupferstich von Andreas Geiger nach Johann Christian Schoeller (1839)

Zu den Raritäten der Derra de Moroda Dance Archives zählt ein Konvolut handschriftlicher Szenarien und Regiebücher aus dem 19. und 20. Jahrhundert, darunter eine Skizze zu Bernardo Vestris‘ Ballett Der Frauen-Aufruhr im Serail (1839/1843). Die Sammlung wird sukzessive erschlossen und digitalisiert (siehe Szenarien | Regiebücher).

Das Manuskript besteht aus drei doppelseitig beschriebenen, gehefteten Bögen mit dem Titel Der fromen- [sic] Aufruhr im Serail, phantastisches Ballet in drei Abtheilungen in die Scene gesetzt von Herrn B. Vestris, Ballemeister vom k. k. Hoftheater nächst dem Kärnthnerthore Musik von Herrn Franz Schira.
Das Ballett wurde am 27. Juli 1839 in der Wiener Hofoper uraufgeführt und erlebte dort bis zum 16. September 1843 insgesamt 51 Aufführungen.

Bernardo Vestris, "Der Frauen-Aufruhr im Serail" (1839/1843)

Nicht viel ist bekannt, doch lassen Zeitraum, Aufführungsort und Inhalt des Szenariums einige Rückschlüsse auf dieses Ballett zu. So reiht es sich zweifellos in das umfassende Repertoire an Produktionen ein, die unter wechselnden Ballettmeistern seit Anfang des 19. Jahrhunderts an der Wiener Hofoper kreiert wurden und – in Dramaturgie und Choreografie – dem Vorbild der romantischen Ballettpraxis folgten: klassischer Tanz als Ausdrucksform für Wesen (Sylphiden, Wilis, Undinen, Bajaderen) aus anderen bzw. „fremden“ Welten, das Aufeinandertreffen von Solotanz und Gruppe, von verschiedenen Tanzstilen und Tänzerfächern sowie von mimischer Aktion und virtuoser Tanztechnik.

Wie der Kupferstich von Andreas Geiger [1] zur Schlussszene des dritten Aktes des Balletts veranschaulicht, werden hier zwei wesentliche Aspekte romantischer Ballettdramaturgie bedient: einerseits das Faszinosum des „fremdländischen“ Sujets (Serail), andererseits das Übermenschliche, hier dargestellt durch die kriegerischen Handlungen bewaffneter Frauen.

Weitere Details zum Inhalt des Balletts liefert das Digitalisat des Szenariums.

Anna-Lena Wieser

[1] „Schlussscene des dritten Actes aus dem Ballet ‚Der Frauen-Aufruhr im Serail‘, von Vestris.“ Kolorierter Kupferstich von Andreas Geiger nach Johann Christian Schoeller. Nummer 71, erschienen in der Reihe „Costume-Bild zur Theaterzeitung“, Wien 1839. © Universität Salzburg, Derra de Moroda Dance Archives.

Vgl. auch Gunhild Oberzaucher-Schüller, ‚Frauenkörper – von Männern ‚diszipliniert‘ und in Marsch gesetzt‘, in: Tanz&Archiv: ForschungsReisen. Heft 11: Kriegerinnen…, hg. von Miriam Althammer, Irene Brandenburg, Nicole Haitzinger und Claudia Jeschke, München: epodium 2026, S. 84–99.